Willkommen Schlendrian – 2. Tag

30. Dezember 2016

Komischerweise geht es mir in unseren Urlauben oft so, dass ich morgens früh wach bin, immer irgendwie unruhig, möchte ja nichts verpassen – am liebsten gleich losstiefeln um alles zu entdecken.

So auch an unserem zweiten Venedig Tag. Im Hotel war noch alles ruhig – nur ein dezenter Brötchenduft lag in der Luft – Stefan schlief noch fest – ich aber stand schon um 5:00 Uhr am Balkon und konnte mich nicht satt sehen an dem aufwachenden Venedig. Noch im tief dunklen wurde genau gegenüber der Rialto Market aufgebaut, Möwen kreischten aufgeregt in der Hoffnung nach Fischabfällen… Bunte Obst und Gemüse Türme wurden kunstvoll aufgebaut. Auf dem Canale Grande war bereits reges Treiben. Überall tuckerten große und kleine Versorgungsboote, mal mit Lebensmitteln oder Baumaterial, dann wieder vollgestopfte Vaporettos, wohl mit Hotelangestellten der ganzen Lagune auf dem Weg zu ihrer Arbeit. Welche Logistik dahinter steckt, wenn jedes Teil was man benötigt auf dem Wasserweg hierherkommt – vom Ei bis zum Sofa – kann man nur erahnen.

Noch müde decken die Gondolieries unterhalb unseres Balkons ihre Gondeln auf, laufen schon fast akrobatisch über die Planken um von einer zur anderen Gondel zu gelangen. Venedig erwacht und ich sitze in der ersten Reihe, es eröffnet einem eine völlig andere Perspektive auf die Stadt – das früh wach sein hat sich gelohnt.

Gelohnt hat sich auch das gute Frühstück, denn wer schon mal in Venedig war, weiß wie schwer so etwas, wie auf unserem deutschen Niveau, hier zu finden ist.

Aber auch hier hatten wir mal wieder Glück – es war alles da, was das Herz begehrt und alles sehr lecker und appetitlich. Besser konnten wir gar nicht in den Tag starten…..

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Beim Frühstück überlegten wir dann, welche Ecken, Kirchen usw. wir von Venedig noch nicht kannten – vieles war von uns schon mehrfach besucht, egal ob Touristen Highlights oder Geheimtipp – Museen vollgepackt mit interessantesten Kunstschätzen war nie unser Ding (Ich glaube man nennt uns Kunstbanausen…)

Auf Grund der Wettervorhersage „Vormittags teils sonnig – Nachmittags leichter Regen“ entschließen wir uns unserem Motto der Reise treu zu bleiben und lassen uns mehr oder weniger in Richtung Cannaregio(hier waren wir zumindest nur selten unterwegs), treiben. Wir hielten Ausschau, nach der uns im Reiseführer beschriebenen „einzigen Drei – Bogen – Brücke“ Venedigs, der „Ponte di tre Archi“, welche den Cannaregio Kanal überspannt. Naja nun – eine von den mehr als 400 Brücken Venedigs, die über 150 Kanäle überspannen… in unseren Augen nicht wirklich was Besonderes. Die Gegend war wohl ein Arbeiter und Einheimischen Viertel, nett anzusehen, abseits der Touristenströme, aber nicht wirklich ein Highlight. Wieder versuchen wir „das andere Venedig“ im Foto festzuhalten – überall bekommen wir Motive geliefert.


Ebenfalls, die in diesem Stadtteil gelegene Kirche „Heilige Lucia san Geremia“, wird von uns besucht. Diese Kirche birgt die sterblichen Überreste der Heiligen Lucia von Syrakus, eine der meist verehrten Heiligen der Christenheit – sie soll Licht und Frieden bringen. Die Kirche hat einen Grundriss in Form eines griechischen Kreuzes mit einer großen Kuppel. Der 43m hohe Campanille (Turm) zählt zu den ältesten in Venedig und ist ein Rest des Gebäudes aus dem 12. Jahrhundert.

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Wir persönlich lieben ja die Kirchenfotografie und können es bei den etwa 90 Kirchen im historischen Zentrums Venedigs oder den etwa 160 Stück in der ganzen Lagune auch ausleben. Dabei gibt es hier fast immer einen Haken. Viele Kirchen sind wegen Renovierung, oder einfach so, geschlossen, in etlichen muss man Eintritt bezahlen (was wir so gar nicht einsehen, oder dieses doch ein Jahr lang via dem Kirchenpass, der sehr zu empfehlen ist, erledigt haben), aber in den meisten Fällen ist das Fotografieren in den Kirchen hier offiziell schlichtweg verboten! Komischerweise bekommt Stefan dann auch immer in Venedig den „Kirchenhusten“, der immer genau dann kommt, wenn er aus der Hüfte heraus den Auslöser der Kamera drückt – hüstel – hüstel….. Lustig sind allemal die Beschreibungen vieler Kirchen in den Reiseführern. Gerne wird sich maßlosen Übertreibungen bedient…. die schönste, die bunteste, die größte, die heiligste, die hellste, die mit der besten Akustik und und und…. Was wir aber bereits früh bei unserem ersten Aufenthalt hier herausgefunden haben ist, das der oft äußerlich bombastische Baustil nichts mit dem Innenleben zu tun hat  – denn die unscheinbarsten Gotteshäuser außen – bieten oft die größten Wow – Effekte im Inneren. Und zu den Campanillen – Türmen – sei noch gesagt – dass auch diese sehr zahlreich in Venedig zu finden sind und mir dabei wie fast selbstverständlich vor die Linse gehuscht sind.

Bereits bei den letzten Besuchen in Venedig haben wir die Erfahrung gemacht, dass es besonders im Stadtteil Dosoduro etwas ruhiger und gemütlicher zu geht – es ist ein noch ursprünglicher Stadtteil, abseits der Touristen, in dem viele Einheimische leben. Große Paläste sucht man hier vergeblich, statt dessen findet man Gassen, die mit Wäscheleinen überspannt sind. Ich mag dieses Viertel, die Geschäfte und Snackbars sind nicht überteuert und man kann bereits für 2,50€ einen Kaffee trinken und bekommt für 3€ einen Aperol Spritzz. Die Tramezzini und Fladenbrote sind hier dicker belegt und das Pizzastück in die Hand lecker und erschwinglich. Definitiv lohnen sich die paar Schritte ins Abseits. Es ist herrlich sich einfach mal in eine kleine Bar zu setzen und dem bunten Alltag – Treiben zu zu sehen.

Immer wieder begegnen uns an diesem Tag Gruppen von Kindern, welche auf Topfdeckeln oder ähnliches schlagen und der Melodie nach Bruder Jacob, nur mit einem anderen italienischen Text singen. Heute ist Martinstag und diese „Kinderumzüge“ sind hier in der Lagunenstadt ein fester Bestandteil des Brauchtums an diesem Tag

 

Als es anfängt zu nieseln beschließen wir kurz ins Hotel zurück zu gehen und unsere Einkaufstaschen zu holen um ein paar Mitbringsel zu shoppen und uns mit ein paar italienischen Köstlichkeiten für zu Hause einzudecken. Dieses kann man sehr gut und relativ günstig in Coop Läden, wie am Piazzale Roma tun –  denn hier ist die Auswahl groß und relativ bezahlbar.

Wieder zurück im Hotel entdecken wir an der Rezeption einen Aushang für den nächsten Abend, welches wir in Anbetracht meines morgigen Geburtstages buchen (mehr siehe 3. Tag).

In den unterschiedlichen Reiseblogs und Foren, die ich grundsätzlich vor jeder Reise lese, fand ich auch einen Restaurant Tipp, den wir heute gerne ausprobieren wollen. Wie schon eindeutig vorab zu lesen war, liegt die Taverna Remer sehr versteckt und ist schwer zu finden. Die Beschreibung aus dem Block führt uns erst in die Irre. Irgendwann googelt Stefan die Adresse der Taverne „Cannaregio, 5701“und schaltet die App maps.me ein und tatsächlich stehen wir kurz darauf vor der Tür – lang lebe die Technik. Man muss sich erst mal daran gewöhnen, dass die Adressen in Venedig nur aus dem Stadtteil und der Hausnummer bestehen… das erschwert das Suchen nach einer bestimmten Adresse erheblich. Das urige Restaurant ist bekannt für sein Happy Hour – hier bekommt man von 17:00 – 20:00 täglich, wenn man offiziell ein Getränk für 5€ ordert (Selbstbedienung) dieses plus einem kleinen Buffet, bestehend aus diversen Bruschetta Variationen, kleinen Nudelgerichten, Brot mit Aufstrichen, kleine Salate, Polenta usw. Die Bude war, wie man sich vorstellen kann, brechend voll – überwiegend junge Leute (sicher Studenten), die sich an Plastiktellern und Gabeln nicht stören (wir übrigens für den Preis auch nicht). Wenn man Glück hat, gibt’s hier auch Live Musik, welche auch noch inkludiert ist – dieses Glück hatten wir allerdings nicht. Ebenso kamen wir nicht in den Genuss eines „normalen Abendessens“ – denn dieses wird nicht parallel angeboten – so hätten wir noch knapp 3 Stunden warten müssen und das war uns dann doch zu lange.
So zogen wir dann los, in eine andere Location…. sicher kommen wir aber nochmals hierher, denn die Idee ist schon klasse. Der Besuch der Internetseite http://www.alremer.it/ ist empfehlenswert.

Auf der Suche nach einem Abendlokal machten wir noch einen Abstecher zum im Oktober neu eröffnetem „Kaufhaus“ „Fondaco dei Fedeschi“. Diese Edelboutique im 500 Jahre alten Palast an der Rialtobrücke wurde 2008 für 53 Millionen Euro an die Benetton Group verkauft und seitdem stark renoviert und umgebaut. Auf 7000 qm Fläche bekommt man hier alles was das kleine Luxusherz begehrt – soweit man denn über die nötigen Euros verfügt.
Wir interessieren uns aber weniger für die Luxusgüter (wobei das eine oder andere schon meine Augen zum Strahlen brachte), als mehr für die hölzerne Dachterrasse, von der man einen grandiosen Aus- und Weitblick über die Dächer Venedigs hat. Einfach grandios. Das kitschige Klischee wurde hier bedient, denn auf unseren Videos hört man sogar hier oben einen Gondoliere „oh sole mio“ singen. Das dekadenteste entdecken oder besser erfühlen wir beim hinuntersteigen – die Handläufe der Treppen sind beheizt!!!

Beim Bummeln durch Venedigs Gassen fällt es nicht leicht, sich für eines der zig Restaurants zu entscheiden. Zwar hängen meistens Speisekarten aus, doch oft kommt sofort ein breit grinsender Kellner und will einen überreden einzutreten.

Uns fiel schon öfters beim Vorbeigehen das  „Al 56 Zerootto“ auf. Von außen nett und gemütlich anzusehen, verlassen wir uns auf unser Bauchgefühl und treten ein. Wie so oft in dieser Stadt, werden wir strategisch gut sichtbar an die Frontscheibe platziert. „Wenn ein Restaurant voll besetzt ist, muss es wohl gut sein“ ist wohl hier die erhoffte Aussage!

Wir werden (über) freundlich begrüßt, allerdings haben wir kaum Zeit aus der sehr umfangreichen Karte zu wählen (Taktik?). 3 verschiedene Kellner wuseln um uns rum und offerieren Getränke, Weine, Aperitifs, Tagesgerichte, Menüs, usw., man hat keine Chance nachzudenken oder abzulehnen….. So entscheiden wir uns für Aperol, Wasser, Stefan ordert einen Wein (leider ohne nachzufragen), das Fischmenü und ich wähle meine Lieblingspizza mit Parmaschinken. Irgendwie hatte ich gleich ein ungutes Gefühl – alles wirkte total aufgesetzt und künstlich. Wir sollten leider recht behalten – kaum hatten wir den letzten Bissen im Mund, schon flatterte die Rechnung auf den Tisch. Das Essen war zwar o.k. – aber absolut keine 96€ wert – der Hammer war Stefans Glas Wein für 22€ – absolute Touristen Abzocke. Ganz übel!!!

Auf diesen Schock blieb uns nur übrig, unsere Wut an der Hotelbar mit einem Aperol herunter zu spülen ;-).

Gute Nacht Venedig – wir sind sauer!!!!

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