Von Balkonien ins Rokoko

19. Juli 2018

Wirklich seit Jahren steht auf unserer „Ausflugs to do Liste“ das kleine fränkische Städtchen Amorbach. Als Kleinod des Rokoko Zeitalters wird es angepriesen, ein absolutes Highlight wohl die Klosteranlage, und vieles drum herum was man mal gesehen haben sollte, so zumindest wird es im Internet dargestellt. In meinen Erinnerungen viele Erzählungen meiner Großeltern, die seinerzeit schon absolut begeistert waren von diesem Städtchen.

So sollte es nun endlich einmal klappen und wir machten uns auf in den bayrischen Odenwald. Überquerten sanfte Hügel und hatten eine spannende Anfahrt über unzählige Serpentinen durch dichteste Mischwälder – ein Autofahrt Abenteuer bei dem man zwar all seine Sinne beieinander haben sollte, aber auch viel Zeit und Raum bietet seinen Gedanken nachhängen zu können …..

Die Ortschaft Amorbach entstand aus dem Benediktiner Kloster, das sich nach und nach zum Ort entwickelte und 1253 zur Stadt erhoben wurde. Die Leininger Linie hatt(e) die Standesherrschaft. 1965 wurde es zum Luftkurort ernannt. Heute hat Amorbach etwa 5000 Einwohner.

Läuft man von den gut ausgeschilderten Besucherparkplätzen hinein ins Örtchen kommt man zuerst an die spätbarocke katholische Pfarrkirche St. Gangolf aus dem 18. Jhd. Diese Kirche besticht durch ihre sehenswerten Deckenmalereien und die Orgel. Die Kirche ist baulich kaum verändert und man kann Kunstwerke aus verschiedenen Jahrhunderten bestaunen.

Die Malereien in der dreischiffigen Hallenkirche( z.B. die Fresken im Mittelschiff und im Chor von Johannes Zick 1753) werden als „ Spitzenleistungen der barocken Wandmalerei“ bezeichnet – die angeblich die Darstellungen der berühmten Abteikirche übertreffen sollen. Gott sei dank ist das Geschmacksache, denn wir empfanden es anders. Eine Besonderheit fiel uns dort aber auch auf, denn die Kirche besitzt 2 Kanzeln, beim nachlesen zu Hause erfuhren wir, dass diese ausschließlich die Bedeutung haben, die Wirkung der vollständigen Symmetrie im Kirchengebäude zu unterstreichen! Die nördliche Kanzel ist eine sogenannte Scheinkanzel und kann noch nicht mal betreten werden.

Als wir aus der Kirche treten und etwas in den Ort herein laufen, fragen wir uns allerdings hier schon, wo denn der viel beschriebene Charme von Amorbach versteckt ist, ja – es gibt einen kleinen Marktplatz mit einer handvoll nett anzusehender Häusschen, aber genauso viele leerstehende Gebäude gibt es ebenso, nichts einladendes, keine bayrische Gemütlichkeit …. nichts! Ein paar Schritte weiter sehen wir dann jedoch die Benediktiner Kloster Anlage und hoffen nun hier ein wenig in den Rokoko abzutauchen.

Das Kloster ist nur mit Führung zu besuchen, man kann allerdings auch nur die Abteikirche besichtige. Klosterführung 7.- Euro / Kirchen Eintritt 5.- Euro siehe für weitere Details und sehr unterschiedlichen Zeiten www.amorbach.de

Wir hatten Glück eine privat Führung zu ergattern, denn außer uns hatte wohl so unter der Woche kein Tourist den Weg in dieses doch wohl eher verschlafene Nest gefunden. Bei dieser wirklichen guten, fast eineinhalb stündigen Führung bekamen wir massenhaft Informationen und sämtliche Fragen wurden beantwortet, sehr überrascht waren wir, dass fotografieren erlaubt ist! Wir können diese Führung somit wirklich empfehlen.

Die Ursprünge des Klosters sind weitgehend unklar, die Gründung wird auf etwa 734 datiert. Zur seinigen Zeit hatte es die größte Bedeutung für die kirchliche, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung des östlichen Odenwaldes. Ungewöhnlich für die Zeit war, dass sich die Benediktiner neben der Grundherrschaft auch der Seelsorge widmeten und über 40 Pfarreien betreuten.

Zuerst bestaunten wir während der Führung den sogenannten grünen Saal ein Festsaal aus 1792 im klasizistischem Stil, welcher für Empfänge, Konzerte etc. genutzt wurde, und auch heute noch gemietet werden kann. Einzigartige Stukaturen, eine Musikantenempore, original Kristall Leuchten, gusseiserne Öfen und Figuren legendärer Gründer sind in diesem schönen Raum zu sehen ( schöne Seite siehe www.fuerst-leiningen.de) … um es der Putzfrau etwas einfacher zu machen, muss man hier in Filzpantoffeln schlüpfen ….

Ein weiteres Highlight der Führung war die Bibliothek. Vor dem Ende des alten reiches baute die Abtei eine Bibliothek und eben diesen grünen Saal. Aber während des Bauernkrieges wurde die Bibliothek sehr dezimiert. 1856 entstand dann die Leininger Hofbibliothek, welche etwa 35000 Bände der Fürsten in 100 Bücherschränken beherbergt. Zu beachten sind auch hier die wundervollen Deckenfresken, welche in einer Art 3D Malerei gezeichnet sind. Während der Führung wurde uns erzählt, dass diese Bibliothek allerdings keinerlei Bücher Schätze besitze – interessant wären allerdings unzählige Zeitschriften und Kataloge aus dieser Zeit!

Bereits 1803 wurde die Abtei säkularisiert, die noch 24 Mönche mussten das Kloster verlassen. Das neue Fürstentum nahm dies zum Anlass, die weiträumigen Gebäude als Residenz zu wählen. Die Abteikirche diente dem Fürsten ab da, als ev. Luth. Hofkirche.

Die Führung führte uns nun dann ins Herzstück der Klosteranlage, und beim betreten dieser verschlägt es einem wirklich den Atem.

Barocke Klosterkirche

Bereits 1000 Jahre war das Kloster alt, als man den Entschluss fasste, die romanisch gotische Kirche dem Stil der Zeit anzupassen und diese in einen Barockbau umzuwandeln. Es hat sich gelohnt!

Es entstand eine einzigartige Kirche mit unendlich schönem Rokoko Stuck, 23(!) Fresken, einem Hochaltar mit 6 Marmorsäulen, einer doppelläufigen blattvergoldeten Rokoko Kanzel, einem schmiedeeisernen Chorgitter ( was seinerzeit die Mönche von der Gemeinde trennte) und einem 8 stimmigen Geläut. Bereits 1782 erhielt die Kirche die seinerzeit größte Orgel der Welt (heute größte Europas)von den Gebrüdern Stumm.

Es dauerte 8 Jahre, dies Orgel zu erbauen, und war auch die größte je gebaute Orgel der Brüder. Diese Orgel hat ein unerschöpfliches Klangreichtum: 16 feldgriges Prospekt ( was auch immer das ist J) 5116 Pfeifen von denen 124 bis zu sieben Meter hoch sind, 66 Register. Die Stumm Orgel hat eine hervorragende Akustik und ist von internationaler Bedeutung. Und was soll ich sagen, wiedermal hatten wir das große Glück, dass der Organist meinte zu der Zeit zu üben, als wir uns in dieser bezaubernden Kirche aufhielten. Der nette man von der Klosterführung hatte allerdings keinerlei Chance mehr etwas zu erzählen, denn seine Stimme kam nicht im geringsten gegen die Orgelklänge an. Aber das machte nichts, denn dies war ein einmaliges Erlebnis, wir setzten uns in die Kirchenbänke und lauschten mit Gänsehaut von den Zehenspitzen bis in die Haarspitzen. Wirklich wahnsinnig schön!

Als die Führung offiziell beendet war, konnten wir uns noch so lange in der Abteikirche aufhalten wie wir wollten – sowas ist immer sehr schön zum fotografieren im Detail.

Abschließend wäre zu sagen, dass man das Kloster Amorbach auf jeden Fall einmal gesehen haben sollte, das Örtchen drum herum kann man allerdings links liegen lassen.

Was wir von diesem Tag mit nach Hause nehmen, sind die wundervollen Orgelklänge und viel viel Amore von Amorbach nach Balkonien!

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